Mitte Mai, alle Wahlen sind geschlagen. Naja, zumindest fast alle. Die “großen Wahlen”, die Nationalratswahlen, kommen noch. September 2013 ist der Termin und – wenn man diesen ganzen Wahlanalytikern á la Hayek und Filzmaier glauben darf – waren alle bisherigen Abstimmungen nur das Vorspiel.
Eine Prognose, die sich bislang aber niemand traut, abzustreiten, macht mir ein wenig Sorgen. Und zwar die, dass 2013 “das Jahr der ÖVP” werde. Mit diesem Sager machte sich Parteichef Michael Spindelegger im Frühjahr wenige Freunde. Von Politikern wie Journalisten wurde er dafür nur belächelt – und von mir im Übrigen auch.
Das Schlimme daran: Jetzt sieht es auf den ersten Blick verdammt danach aus. Warum da nichts dran ist und wessen Jahr das wirklich werden könnte.
Warum Jahr der ÖVP?
Die Argumentation der ÖVP dieser Tage ist eigentlich recht nachvollziehbar. In drei von vier Landtagswahlen “gewann” die ÖVP, die Wehrpflichtvolksbefragung ging auch klar für die ÖVP – also für das alte System – aus. Und in Kärnten konnte sich die ÖVP nach einer Selbstreinigung trotz aller Korruptionsskandale erneut in die Landesregierung einziehen. Sieht nach einer guten Zeit für die ÖVP aus, richtig?
Aber:
Man darf nicht vergessen, dass die ÖVP in jedem Bundesland Stimmen verloren hat. Im Prinzip haben alle verloren, außer die Grünen und das Team Stronach (weil es ja noch keine Vergleichswerte gab). In meinem schönen Salzburg sogar minus sieben Prozent. Das freut mich zwar ungemein, aber ich dachte mir schon, dass es für einen vermeintlichen “Sieg” reichen wird.
Zu den “Siegen”
Auch diese muss man relativieren. In Salzburg hatte die Haslauer-ÖVP leichtes Spiel, da sich die Konkurrenz quasi selbst aus dem Spiel nahm. Die FPÖ mit Karl Schnells “Umvolkung”-Sager und mit ihrer Ankündigung, in Opposition bleiben zu wollen. Das Team Stronach damit, dass es abgesehen von manipulativen Plakaten (“Mit [Thema hier einfügen] spekuliert man nicht!“) einfach nicht präsent war. Und Gabi Burgstaller mit einer eindrucksvollen Demonstration von “Ich hab’ keine Lust mehr auf Politik” und “Ihr geht’s ma am Oasch vorbei”.

Keine Ahnung was das bedeutet, aber der Blick sagt alles
So war es nicht schwer, mit den eigenen manipulativen Plakaten zu punkten. Aus Sicht des Marketing war das eigentlich ein ganz guter ÖVP-Wahlkampf. Die Slogans waren “Auf Salzburg schauen, heißt …” was auch immer. Irgendwas, was gut kommt. Dazu noch Bilder von irgendwelchen traditionell aussehenden Bräuchen – wie im unten stehenden Bild. Das kommt bei unserer überalterten, konservativen Bevölkerung natürlich super, und wenn dann noch die große SPÖ unwählbar wird (Stichwort Finanzskandal, an dem die ÖVP ja scheinbar nicht beteiligt war, wenn’s nach dem Wahlergebnis geht), dann zieht das.
Quelle: derstandard.at
Andernorts war die Herausforderung nicht größer. In Niederösterreich ist Erwin Pröll quasi der Landesvater – an ihm führt kein Weg vorbei, und die Konkurrenz um Barbara Rosenkranz und … Politiker, deren Namen sogar mir missfallen vor lauter Irrelevanz, kann einfach nichts entgegensetzen. Frank Stronach hat eine Zeit lang versucht, ein Duell á la “Strache – Faymann” anzuzetteln, was natürlich gerade für Protestparteien eine sehr gute Taktik ist – aber die Absolute für die ÖVP war immer noch zu eindeutig. Interessant übrigens, dass die Kampagne in Niederösterreich nirgends für die “ÖVP” warb, sondern für die “Volkspartei Niederösterreichs” und vor allem für “Pröll”. In zahlreichen Inseraten (im Salzburger “Standard” musste ich mir jeden Tag geben, wie geil Pröll doch sei – wer hat da denn so gezielte Werbung gemacht, und wie wurde das finanziert?) und auf Plakaten immer nur das Gesicht von Pröll und seiner Schar prominenter Unterstützer. Im Prinzip hat er die Wahl gewonnen, nicht seine Partei. Erinnert mich irgendwie an Putin in Russland.

Quelle: orf.at
Die Anderen
Trotz der mehr schlechten als rechten Siege dürfte 2013 nicht (nur) das Jahr der ÖVP werden, sondern der “Grünen”. Diese haben bisher in jeder Wahl zugelegt und in Salzburg erstmals die 20 %-Marke geknackt. In Salzburg-Stadt wurde man sogar Erster.
Verlierer sind eindeutig die FPÖ, die fast überall Stimmen an Stronach verloren hat, und das BZÖ, das in Salzburg bspw. gar nicht angetreten ist. Für die “Piraten” hätte die Geschichte auch besser ausgehen können, vielleicht war man da im Wahlkampf noch zu wenig präsent.
Bleibt die SPÖ.
Nur die SPÖ? Nicht ganz, dennoch wird das Duell im Herbst wohl auf Schwarz gegen Rot hinauslaufen. Die FPÖ ist einfach nicht mehr stark genug, um Bundeskanzler Werner Faymann glaubwürdig den Kampf anzusagen. Ob sich Stronach – sofern er es bis dahin noch macht – auch noch mal in den Ring stellt, bleibt abzuwarten. Ich freue mich jedenfalls immens auf die TV-Duelle mit ihm und Strache.
Und dann gibt’s noch die NEOS. Meine NEOS. Die in der “Presse” und mittlerweile genug anderen Medien als “die ÖVP” bezeichnen, “wenn sie im 21. Jahrhundert angekommen wäre”. Und auch als ÖVP-Feind lass ich mir das durchgehen – und irgendwo stimmt es auch. NEOS ist eine Partei mit dem Schwerpunkt Wirtschaft. Und Bildung – auch wenn das meiner Meinung nach noch viel besser kommuniziert gehört. In den letzten Monaten ist extrem viel weitergegangen – heute stehen wir bei nahezu täglichen Auftritten in irgendwelchen Medien und sind zumindest in gewissen Sphären schon richtig angekommen. Für die Alten wird es womöglich nicht mehr reichen – aber in Zeiten einer ÖVP wie dieser sind die Chancen für NEOS bei der Nationalratswahl groß.
Ausblick
Aber warum sollte sich Österreich im September wirklich für die ÖVP entscheiden? Die ÖVP, die Partei der Tradition, des Stillstandes, des Blockierens, des “Weil’s immer schon so war”? Die ÖVP, deren Politiker allesamt das Charisma eines Steins haben, mit Schlaftablette Michael Spindelegger und Maria Fekter, zu der man fast einen eigenen Läster-Artikel schreiben könnte?
Weil Österreich alt ist. Und zwar steinalt. Die Bevölkerungspyramide zu Zeiten des Babybooms war mal eine mit großem Bauch und kleinen Enden. Der Bauch ist nun ganz oben – und bald ähnelt die Demographie Österreichs einem Pilz. Ein Dach voller alter, konservativer Menschen, die Änderung ablehnen und alles Neue verteufeln – weil’s schon immer so war. Darum haben in Österreich Homosexuelle immer noch nicht das Recht, zu heiraten. Darum müssen in Österreich Jugendliche immer noch sechs bis neun Monate ihres Lebens mit sinnloser Zwangsarbeit verschwenden. Darum funktioniert Österreich so, wie es funktioniert – ohne Reformen, und es ist irgendwie alles ziemlich beschissen.
Ich frage mich, was passiert, wenn die Bevölkerungspyramide sich normalisiert. Wenn junge Menschen nicht mehr eine Minderheit sind, die eher abgelehnt wird. Und wenn die Alten nicht mehr das Land steuern. Dann müsste die ÖVP ja glatt so etwas wie ein zeitgemäßes Programm entwickeln und … etwas Neues machen. Ja, etwas machen! Unvorstellbar. Aber bis dahin gibt es das konservative Österreich und genug Stimmen bei allen Wahlen.
Die ÖVP hat ihre Stammklientel. Und das sind nicht nur “die Wirtschaftler” und “die Bauern”, sondern vor allem einfach alte Menschen. So lassen sich die Wahlplakate einer so unwählbaren Partei erklären. Und wenn man sich die Bevölkerungspyramide ansieht, sieht es so aus, als würde das noch ein-zwei Jahrzehnte so bleiben.








